Tarifautonomie erklärt: Streik, Aussperrung und Tarifverhandlungen
Was ist Tarifautonomie?
Die Tarifautonomie ist ein Grundprinzip unserer Arbeitswelt. Sie bedeutet: Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften können selbstständig über Löhne und Arbeitsbedingungen verhandeln – ohne staatliche Einmischung.
Als Azubi profitierst du davon: Deine Ausbildungsvergütung wird oft durch Tarifverträge geregelt, die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände ausgehandelt haben.

Warum ist Tarifautonomie wichtig?
Die Tarifautonomie sorgt für faire Arbeitsbedingungen ohne staatliche Kontrolle. Arbeitgeber und Arbeitnehmer verhandeln auf Augenhöhe.
Vorteile:
- Flexibilität: Lösungen, die zur Branche passen
- Demokratie: Verhandlungen durch gewählte Vertreter
- Stabilität: Verlässliche Rahmenbedingungen
- Fairness: Ausgewogene Interessenvertretung
Als Azubi hast du durch Tarifverträge oft bessere Bedingungen als ohne.
Die Grundlagen der Tarifautonomie

Tarifvertrag: Das Ergebnis der Verhandlungen
Ein Tarifvertrag regelt Löhne, Arbeitszeiten, Urlaub, Kündigungsschutz und andere Arbeitsbedingungen für eine Branche oder ein Unternehmen. Er wird zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeberverband ausgehandelt. Er gilt für alle Mitglieder automatisch.

Gewerkschaften: Die Interessenvertretung der Arbeitnehmer
Gewerkschaften vertreten die Interessen der Arbeitnehmer. Sie verhandeln Tarifverträge, organisieren Streiks und bieten Rechtsschutz. Beispiele: IG Metall, ver.di, IG BAU. Auch als Azubi kannst du Mitglied werden.

Arbeitgeberverbände: Die Interessenvertretung der Arbeitgeber
Arbeitgeberverbände vertreten die Interessen der Unternehmen. Sie verhandeln Tarifverträge, bieten Beratung und können Aussperrungen organisieren. Beispiele: BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände), branchenspezifische Verbände.

Streik: Das Kampfmittel der Arbeitnehmer
Streik ist das Recht der Arbeitnehmer, die Arbeit niederzulegen, um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Voraussetzungen: Von Gewerkschaft organisiert, ultima ratio (letztes Mittel), verhältnismäßig. Während eines Streiks gibt es kein Gehalt (Streikgeld von der Gewerkschaft).

Aussperrung: Das Kampfmittel der Arbeitgeber
Aussperrung ist das Recht der Arbeitgeber, Arbeitnehmer vorübergehend von der Arbeit auszusperren (keine Zutritt zum Betrieb). Sie ist das Gegenstück zum Streik. Voraussetzungen: Als Reaktion auf Streik, verhältnismäßig. Während der Aussperrung gibt es kein Gehalt.
Tarifvertrag: Was wird ausgehandelt?
Ein Tarifvertrag regelt die Arbeitsbedingungen für eine Branche oder ein Unternehmen:
Typische Inhalte eines Tarifvertrags
-
Löhne und Gehälter
- Grundlohn, Zulagen, Sonderzahlungen
- Ausbildungsvergütungen
-
Arbeitszeit
- Regelarbeitszeit (z.B. 35, 38 oder 40 Stunden)
- Überstundenregelungen
- Pausenregelungen
-
Urlaub
- Anzahl der Urlaubstage
- Urlaubsgeld
-
Kündigungsschutz
- Kündigungsfristen
- Sozialauswahl bei Kündigungen
-
Weitere Regelungen
- Weihnachtsgeld
- Zusatzversorgung
- Weiterbildungsansprüche
Pro-Tipp: Tarifvertrag checken
Prüfe, ob in deinem Betrieb ein Tarifvertrag gilt! Deine Ausbildungsvergütung sollte mindestens der tariflichen Vergütung entsprechen. Wenn du weniger bekommst, hast du Anspruch auf Nachzahlung. Sprich mit dem Betriebsrat oder der Gewerkschaft.
Streik: Das Recht auf Arbeitskampf
Was ist ein Streik?
Ein Streik ist die gemeinsame, organisierte Arbeitsniederlegung von Arbeitnehmern, um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen.
Voraussetzungen für einen rechtmäßigen Streik
-
Von Gewerkschaft organisiert
- Nur Gewerkschaften können Streiks organisieren
- Wildstreiks (ohne Gewerkschaft) sind illegal
-
Ultima Ratio (letztes Mittel)
- Alle Verhandlungsmöglichkeiten sind ausgeschöpft
- Einigung ist nicht möglich
-
Verhältnismäßig
- Das Kampfmittel muss angemessen sein
- Schwerwiegende Schäden müssen vermieden werden
-
Tarifvertrag abgelaufen
- Streik nur bei Verhandlungen über neuen Tarifvertrag
- Nicht während laufender Verträge
Was passiert während eines Streiks?
- Kein Gehalt: Du erhältst kein Gehalt vom Arbeitgeber
- Streikgeld: Die Gewerkschaft zahlt Streikgeld (ca. 60-70% des Nettoeinkommens)
- Schutz vor Kündigung: Streikende können nicht gekündigt werden
- Gewerkschaftsschutz: Rechtsschutz durch die Gewerkschaft

Aussperrung: Das Gegenmittel zum Streik
Aussperrung ist das Recht der Arbeitgeber, Arbeitnehmer vorübergehend von der Arbeit auszusperren (Zutritt zum Betrieb verweigern).
Voraussetzungen:
- Als Reaktion auf Streik
- Verhältnismäßig (nicht willkürlich)
- Von Arbeitgeberverband organisiert
Während der Aussperrung:
- Kein Gehalt vom Arbeitgeber
- Kein Streikgeld von der Gewerkschaft
- Schutz vor Kündigung bleibt
Zweck: Druck auf die Gewerkschaft, um zu verhandeln.
Tarifvertragsarten
1. Flächentarifvertrag
Gilt für eine gesamte Branche in einer Region (z.B. "Metalltarifvertrag für NRW").
Vorteil: Einheitliche Bedingungen für alle Betriebe.
2. Firmentarifvertrag
Gilt nur für ein Unternehmen (z.B. "Tarifvertrag für Volkswagen AG").
Vorteil: Angepasst an das spezifische Unternehmen.
3. Manteltarifvertrag
Regelt Rahmenbedingungen (Arbeitszeit, Urlaub, Kündigungsschutz).
Laufzeit: Oft mehrere Jahre.
4. Lohntarifvertrag
Regelt Löhne und Gehälter.
Laufzeit: Oft nur 1-2 Jahre (werden regelmäßig neu verhandelt).
Der Verhandlungsprozess
1. Verhandlungen beginnen
- Tarifvertrag läuft aus oder wird neu verhandelt
- Gewerkschaft und Arbeitgeberverband beginnen Verhandlungen
2. Verhandlungen scheitern
- Keine Einigung möglich
- Gewerkschaft kündigt Streik an
3. Streik
- Arbeitnehmer legen Arbeit nieder
- Arbeitgeber können mit Aussperrung reagieren
4. Einigung
- Neue Verhandlungen führen zum Erfolg
- Neuer Tarifvertrag wird geschlossen
Wichtiger Hinweis
Streik und Aussperrung sind selten. Die meisten Tarifverhandlungen enden in einer Einigung, ohne dass es zum Arbeitskampf kommt. Streiks sind das letzte Mittel, wenn alle Verhandlungen gescheitert sind.
Tarifautonomie vs. staatliche Regulierung
Tarifautonomie (aktuelles System)
- Verhandlung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden
- Flexibel und branchenspezifisch
- Demokratisch durch gewählte Vertreter
Staatliche Regulierung (Alternative)
- Gesetzliche Mindeststandards für alle
- Weniger flexibel, passt nicht immer zur Branche
- Staatliche Kontrolle statt Verhandlung
Vorteil der Tarifautonomie: Lösungen, die zur Branche passen, und Verhandlungen auf Augenhöhe.
Häufige Fragen zur Tarifautonomie
Muss ich in einer Gewerkschaft sein, um von Tarifverträgen zu profitieren?
Was passiert, wenn es keinen Tarifvertrag gibt?
Kann mein Arbeitgeber während eines Streiks andere Leute einstellen?
Wie lange kann ein Streik dauern?
Zusammenfassung: Tarifautonomie verstehen
Die Tarifautonomie ist ein zentrales Prinzip unserer Arbeitswelt. Sie sorgt für faire Arbeitsbedingungen durch Verhandlungen auf Augenhöhe.
Wichtigste Punkte:
- Tarifvertrag: Regelt Löhne und Arbeitsbedingungen für eine Branche
- Gewerkschaften: Vertreten Arbeitnehmerinteressen
- Arbeitgeberverbände: Vertreten Arbeitgeberinteressen
- Streik: Rechtmäßiges Kampfmittel der Arbeitnehmer (organisiert, ultima ratio, verhältnismäßig)
- Aussperrung: Rechtmäßiges Kampfmittel der Arbeitgeber (als Reaktion auf Streik)

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Über den Autor:
Das Evkola Team unterstützt seit über 10 Jahren Azubis bei ihrer Prüfungsvorbereitung. Wir erklären komplexe Wirtschaftsthemen verständlich und prüfungsnah.